Roßlau

Roßlau (Elbe)

Von Karin Weigt


Im selben Jahr wie die Bernburger Zuckerfabrik Cuny & Co. wurde in Roßlau 1837 die „Anhaltische Privilegierte Zucker-Raffinerie an der Elbe“ errichtet. Sie zeigt beispielhaft die vielen Schwierigkeiten, mit denen die Pioniere der frühen Zuckerfabriken zu kämpfen hatten:16 Die Anlegung der Fabrik war in Form einer Aktiengesellschaft mit einem Grundkapital von 60.000 Talern geplant. Unter den Aktionären befanden sich Staatsbeamte, Offiziere, Pastoren, Apotheker und Kaufleute. Vertreten waren u. a. einige prominente anhaltische Persönlichkeiten wie z.B. der Hofmaler Johann Heinrich Beck (1788–1875), Polizeidirektor Leopold Bürkner (1781–1866), Kommerzienrat Joseph Hirsch Cohn (1777–1863) und der Kammerrat (und spätere Regierungsrat) Friedrich von Basedow (1797–1864), ein Enkel des bekannten Pädagogen des Philanthropinums, Johann Bernhard von Basedow.

Um den Betrieb aufnehmen zu können, fehlten jedoch weitere finanzielle Mittel. So wurden auch die beiden anhaltischen Herzöge Heinrich von Köthen (1778–1847) und Leopold IV. Friedrich von Anhalt-Dessau (1794–1871) um ihre Teilhabe ersucht. Um größere Risiken zu vermeiden, ließ man die Vor- und Nachteile eines derartigen Unternehmens hinsichtlich der Aussicht auf Gewinn und den Nutzen für die Einwohner des Landes gründlich überprüfen. So betonte z. B. der Dessauer Kammerrat Georg Leopold Heinrich von Raumer (1786–1868), dass die Zuckerfabrikation aus Runkelrüben noch in den Kinderschuhen stecke und man auf nur wenige Erfahrungen zurückgreifen könne. Der Gewinn sei von vielen Faktoren abhängig – so z. B. von der Konkurrenz mit anderen Fabriken, vom Ankaufspreis der Rüben, den Kosten zur Gewinnung des Zuckers, auch davon, ob man den Abfall aus der Fabrik noch als Viehfutter in der Landwirtschaft einsetzen könne. Die Qualität und die Menge des produzierten Zuckers wiederum seien abhängig von der Bodenbeschaffenheit, vom Zuckergehalt der Rübe, vom Schutz derselben gegen Wildfraß und Schädlinge und so fort. Sorge bereitete auch die fehlende Erfahrung mit dem arbeitsintensiven Anbau der Rübe und der Frage nach dem richtigen Fruchtwechsel.

Ein weiteres Mitglied der Kammer betrachtete das Vorhaben wegen der Standortnachteile allerdings als eine „reine merkantilistische Speculation“, denn die Transportwege für qualitativ hochwertige Rüben seien viel zu kostspielig und aufwändig. Die Eisenbahn war noch nicht gebaut, die Rüben wurden meist auf dem Schiffsweg oder über Fuhrwerke transportiert. Qualifizierte Sachverständige für die Fabrik kämen von auswärts und nur eine geringe Anzahl von einheimischen Arbeitern werde dort Arbeit finden. Obwohl all diese Schwierigkeiten bekannt waren, siegte die Experimentierfreude. „Wenn des Herzogs von Anhalt-Cöthen Liebden sich entschlossen haben, fünf Actien zu nehmen, so will ich ein Gleiches thun, ob ich gleich die dagegen angeführten Bedenklichkeiten nicht übersehe.“ Schließlich beteiligten sich beide Herzöge mit Aktien im Wert von jeweils 5.000 Talern. Am 22. Mai 1837 wurden die aus 24 Paragraphen bestehenden Statuten [Satzungen] der Aktiengesellschaft schließlich auf dem Dessauer Justizamt verhandelt und unterzeichnet und die Fabrik westlich der Brücke an der Elbe in der Nähe des Schanzenhauses in Roßlau gebaut. Die Direktion oblag zunächst Medizinal-Assessor Wilhelm Ferdinand Funke, der zugleich Besitzer der Dessauer Löwenapotheke war und dem bereits mit Zuckerfabriken erfahrenen Dr. Conradin Friedrich Eduard Zier aus Zerbst. Letzterer zog sich wegen Meinungsverschiedenheiten jedoch schon nach einem Jahr aus der Direktion zurück.

Der Vorstand der Gesellschaft setzte sich aus vier Mitgliedern aus den Bereichen Landwirtschaft, Handel, Administration und Technik zusammen. Die Aktienteilhaber mussten ihren Wohnsitz (mit wenigen Ausnahmen) innerhalb der Grenzen des Fabrikdistriktes haben, d. h. in den Grenzen der anhaltischen Herzogtümer. Der Betrieb der Fabrik wurde im Dezember 1837 aufgenommen. Doch schon nach dem ersten Geschäftsjahr zeichneten sich finanzielle Schwierigkeiten ab, worüber der Geheime Finanzrat August von Behr aus Köthen den Aktionären auf einer Generalversammlung am 16. Dezember 1838 Bericht erstattete. Obwohl man mit der Qualität der Zuckergewinnung zufrieden war – denn es war tatsächlich gelungen, festen Zucker statt Schleimzucker beim Verkochen zu erhalten (ein Problem, an dem viele Zuckerfabriken scheiterten), – zeichnete sich sehr bald ab, dass man sich verkalkuliert hatte. Das Kapital für Baukosten, die Ausstattung der Fabrik mit kupfernen Siedepfannen, hydraulischen Pressen, Kandis- und Zuckerformen, Ochsen für den Antrieb der Göpel, Vorräten für Knochen und Steinkohlen, die Gehälter für Faktor, Siedemeister, Ochsenknechte und Arbeiter, Ackerpachten, den Ankauf von Rüben und Rübenäckern, aber auch für den Brückzoll war bald verbraucht. Im ersten Geschäftsjahr kam noch erschwerend hinzu, dass durch früh einsetzenden Frost keine Steinkohle über die Elbe geliefert werden konnte und die Rüben durch den vorgerückten Frühling verdarben und kaum 3 Prozent Rohzucker ergaben.

Auch die Arbeitsabläufe sollten verbessert werden, um höhere Gewinne zu erzielen. Kurzum, mehr Geld war vonnöten. Neue Darlehen mussten aufgenommen werden. Als schließlich endlich 1841 die Eisenbahn gebaut wurde, fehlte ein Anschluss und eine Verladestelle an der Fabrik. Die weiten Transportwege für die Rüben erwiesen sich als äußerst nachteilig und finanziell aufwändig. Im Geschäftsjahr 1838 wurden sie z. B. aus Magdeburg, Calbe, Altenburg, Nienburg, Wedlitz, Mennewitz und Aken angeliefert. Um dieses Problem abzustellen, beantragte der Vorstand der Zuckerfabrik Anfang 1841 bei der Regierung, durch Gutachten überprüfen zu lassen, ob es nicht möglich sei, auf den herzoglichen Domänen in Roßlau, Neu Wülknitz und Wörlitz Rüben anbauen zu lassen (hierzu vgl. Katalogbeitrag „Süße Stadt“). Nach mehreren Jahren des Ringens um das Überleben der Roßlauer Zucker-Raffinerie wurde der Betrieb schließlich zehn Jahre nach seiner Gründung wieder eingestellt.

Info

Zucker aus Rüben – Ein „Kraftstoff“ der Moderne: Informationen zur Ausstellung, mit Beiträgen von Anja Bel, Frank Kreißler, Jana Müller, Bernhard Post und Karin Weigt

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